Messe Stuttgart, 2. & 3. Dezember 2020

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Nehmen, was schon da ist - Recyceln, Upcyceln, Umdenken

30. Juni 2020

Der dänische Automobildesigner Henrik Fisker bringt bald ein Auto auf den Markt, das sich über Solarzellen auflädt und dessen Interieur aus recycelten Materialien wie T-Shirts, PET-Flaschen, Gummiresten von Reifen und alten Fischernetzen aus dem Meer besteht. Was hier geht, müsste für die Architektur auch möglich sein.

Von Barbara Jahn

 

Kann man Architektur sinnvoll wiederverwerten? Diese Frage stellt sich immer häufiger, wenn dringend Platz gesucht wird für Neues, Zeitgemäßes, Attraktives. Klar, alles ist nicht zu retten, oft sind Sanierungen auch weniger wirtschaftlich als Neubauten. Allerdings sollte dies keine Ausrede dafür sein, es nicht wenigstens einmal zu überdenken. Hat sich doch schon so manches in die Jahre gekommene Projekt als gar nicht so schlecht für junge, frische Ideen erwiesen. Doch auch Neues kann entstehen und gleichzeitig nachhaltig sein, wenn man verantwortungsbewusst plant und am Ende die Bilanz stimmt. Allein ein Grundstück, das bereits verbaut war, erneut zu nutzen, ist besser als weiter Land aufzufressen.

 


Es gibt keinen Planeten B - es heißt also das nützen, was vorhanden ist, und damit auskommen
© Foto: IG Ressource Wasser

 

Wie endlich unsere Rohstoffe sind, wie schnell sich die Erde in weniger als einem Jahr verbraucht hat und wie sorgsam wir damit umgehen müssten, daran erinnert uns täglich die unaufhaltsam scheinende Klimakrise. Insbesondere in der Bauwirtschaft, in der anteilsmäßig ein sehr hoher Prozentsatz an Raubbau in der Natur, aber auch Schadstoffemissionen und unausgeschöpfte Recycling-Methoden immer noch Realität sind, müsste man intensiver umdenken. Denn Möglichkeiten dafür gibt es. „Wer auf schadstoffarme Baumaterialien, ressourcenschonende Architektur und Bauausführung sowie energieeffiziente Haustechnik setzt, gliedert das neue Gebäude automatisch in den natürlichen Stoffkreislauf ein. Denn der Umgang mit den knapper und teurer werdenden Ressourcen Energie, Rohstoffe und Fläche ist eine Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts. Besonders im extrem rohstoffintensiven Baubereich steht die heute viel diskutierte Forderung nach mehr Energieeffizienz in einem besonders engen Zusammenhang mit Ressourceneffizienz“, sagt Roman Ascherov, Gründer der AIRA Development Group, zu deren Unternehmensphilosphie, gehört, immer in Bewegung zu bleiben und gleichzeitig möglichst energie- und ressourcenschonend zu bauen. Denn für den auf Wohnimmobilien spezialisierten Bauträger sind eine ökologische Standortfindung unter Einbeziehung von Infrastruktur, Verkehrserschließung und Landschaftsschutz, optimale Sonnenenergie-Nutzung, effiziente Wärmedämmung, nachhaltige Bauwerksbegrünung oder neue E-Mobility-Angebote wichtige Zukunftsthemen in den nächsten Jahren.

 


Hier, im ehemaligen Dorotheum-Gebäude, treffen Kreative aus allen Richtungen aufeinander: von Architekten über Galeristen bis zum Haubenkoch.
© Foto: Kurt Hörbst

 

Immer mehr an Bedeutung gewonnen haben internationale Nachhaltigkeitszertifikate und Auszeichnungen für ein nachhaltiges Engagement in der Architektur. Dazu gehört unter anderem der Staatspreis für Architektur & Nachhaltigkeit, der jedes Jahr an jene Bauherren, Architekten und Fachplaner vergeben wird, die anspruchsvolle Architektur und ressourcenschonende Bauweise verbinden. So haben etwa ostertag ARCHITECTS für den Bauherren Fünfhauslofts GmbH das ehemalige Gebäude des Auktionshauses Dorotheum sensibel saniert und in ein Bürogebäude mit Lofts verwandelt. Die Sanierung lässt die einprägsame Fassade aus den 1920-Jahren unberührt und konzentriert sich auf eine konsequente innenliegende Adaptierung. Statt die denkmalgeschützte Struktur der ehemaligen Pfandleihanstalt zu überformen, suchten Eigentümer und Architekt lieber einen passenden Inhalt und schufen Platz für Kreative und Start-Ups. Ein Glücksfall, so konnte die besondere Raumkonfiguration der Depots sinnvoll integriert werden. Der Endenergiebedarf wurde dank innenliegender Fenster und Wärmedämmung deutlich reduziert. Zudem wurden PVC-freie Baustoffe und HFKW-freie Kühlmittel eingesetzt, der Parkett aus dem Bestand im Restaurantbereich wurde wieder eingebaut. Auf der neuen hinterlüfteten und gedämmten Holzkonstruktion über der obersten Geschoßdecke entstand ein höchst attraktiver Dachgarten mit für das Stadtklima geeigneten Pflanzen. Seine Pergola wurde so gebaut, dass sie eine Photovoltaikanlage aufnehmen könnte, und steht – bei bestem Ausblick über die Stadt – symbolisch dafür, dass das Gebäude gut für die Zukunft gerüstet ist. Zur Qualitätssicherung wird ein Energieverbrauchsmonitoring eingesetzt.

 


Weitererzählen statt neu schreiben: Die Baugeschichte der Volkschule Lauterach  beginnt in den 1930er-Jahren.
©
Foto: Paul Ott

 

„Recycelt“ wurde auch eine Volkschule in Lauterach, geplant vom Architekturbüro Feyferlik/Fritzer und in Auftrag gegeben von der Gemeinde selbst. Dabei entfaltet sich die Schule wie ein Dorf. Rund um den bestehenden Schulbau aus den 1930er-Jahren mit originalem Uhrturm formt die pavillonartige Erweiterung spielerisch-leichte Innen- wie Außenräume. Während sich die Klassenräume mit einer Doppelfassade zu den umliegenden Wohnstraßen orientieren, schlagen die Gruppenräume eine Brücke zum gemeinsamen Hof. Im Zuge eines naturnahen Bepflanzungskonzepts wurde der alte Baumbestand des Grundstücks fast vollständig erhalten und integriert. Die Dächer des Neubaus sind intensiv begrünt und damit auch als zusätzlicher Gartenraum nutzbar. Die umfassende Berücksichtigung von Energieeffizienz, thermischen Komfort und unbedenklichen Materialien rundet das Projekt vorteilhaft für die Umwelt ab. Artenreiche Blumenwiesen, mehrheitlich unversiegelte Freiflächen und eine überwiegende Errichtung des Neubaus auf Pfählen, um die Wurzelbereiche der Bäume nicht zu beeinträchtigen, sind ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Biodiversität und bilden ein naturnahes, auch von innen gut erlebbares Ambiente für die ganze Schulgemeinschaft.

 


Bauen im Bestand und dabei ein neues Gesicht geben: Ein Gründerzeithaus in Wien-Mariahilf erfuhr ein beispielhaftes Upcycling.
©
Foto: Kurt Hörbst

 

Auch innerstädtisch kann man wahr Wunder vollbringen, so wurde in Wien ein straßenbildprägendes Gründerzeithaus, das durch eine Gasexplosion stark beschädigt wurde, nicht abgerissen, sondern in enger Abstimmung zwischen Eigentümerin und Planungsteam auf gelungene Weise rekonstruiert und gleich mit Dachausbau versehen. Das Treppenhaus ist lichtdurchflutet, der Hof neustrukturiert und zu großen Teilen ins erste Obergeschoß gehoben. Dank Hochleistungsdämmputz und weiterer Dämmmaßnahmen ist der Wärmebedarf deutlich reduziert. Vor sommerlicher Überhitzung schützt ein außenliegender, ästhetisch gut eingebundener Sonnenschutz. Das Projekt von Trimmel Wall Architekten macht im Hinblick auf die Bewahrung des Stadtbildes als auch die nationale Klima- und Energiestrategie Schule.

 


Das TÜWI der Universität für Bodenkultur gilt als zukunftsweisend in Sachen Energie und Nachhaltigkeit in modernem Kleid
© Foto: Lukas Schaller


 

Auf die wertvolle Ressource und Baustoff der Zukunft Holz kam das Architekturbüro Baumschlager Hutter Partners, das im Auftrag der BIG Bundesimmobiliengesellschaft m.b.H. für die Universität für Bodenkultur realisierte. Das neue TÜWI-Gebäude hat für den Bauplatz und die angrenzende Villenbebauung ein überaus großes Raumprogramm. Drei oberirdische Geschoße und der Lichthof vor dem Verbindungsbau schaffen differenzierte und gut nutzbare Außenräume. Dazu zählt auch der Dachgarten, dessen Pergola mit einer Photovoltaik-Anlage gedeckt ist und damit nicht nur Strom erzeugt, sondern auch Schatten spendet. Geothermie, Solarthermie für die Warmwasserbereitung und Bauteilaktivierung für Winter und Sommer sorgen bei hohen Anforderungen an die Energieeffizienz für ein umfassend ökologisch optimiertes Technikkonzept. komplettiert wird das ressourcenschonende Energiekonzept mit Deckenkühlung. Photovoltaik und energieeffiziente Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung.

 

 

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