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Wenn der Architekt sein eigener Bauherr ist

31. August 2021

Für Architekten zählt es wohl zu den schwierigsten Bauaufgaben, ein Haus für sich selbst zu entwerfen. In jeder Ausgabe unseres Newsletters zeigen wir Ihnen ein gelungenes, internationales Beispiel von jenen Architekten, die diese besondere Herausforderung angenommen haben.


Von Barbara Jahn

 

Das Unmögliche möglich machen: Dem Schweizer Architekten Gus Wüstemann ist es gelungen, dem Wohnen ein Stück mehr Gerechtigkeit zu verleihen.

 



Die Magie des kleinen Maßstabs. Die Wohneinheiten der Langgrütstraße wirken durch gelungene Blickführungen größer als sie tatsächlich sind.


Natürlich ist es immer schön, wenn prachtvolle Bauwerke in großen Bildern in Zeitschriften und Magazinen glänzen. Dabei werden Fantasien angeregt, Wünsche geweckt und Sehnsüchte mobilisiert. Doch noch viel schöner sind jene Architekturen, die greifbar werden, in dem sie erschwinglich sind und am Ende für viele Menschen nicht einfach nur ein Traum bleiben müssen.

 



Grenzenlose Schönheit. Innen- und Außenraum verschmelzen miteinander zu einer räumlichen Einheit.

 

Das Schweizer Architekturbüro gus wüstemann architects wurde von der I+B Baechi Stiftung beauftragt, in Zürich genau eine solche Architektur zu schaffen: leistbarer Wohnraum, der aber bei der Qualität keine Abstriche macht. Gus Wüstemann nahm die Herausforderung an und entwickelte mit dem Wohnbau in der Langgrütstrasse 107 ein beispielgebendes Projekt, das unter Beweis stellt, dass mit gezielten Interventionen in Licht und Raum und bei gleichzeitiger Reduktion der Standards großzügige Wohnräume möglich sind - ganz ohne wirtschaftlichen Mehraufwand. „In der heutigen Zeit braucht es ein Umdenken. Nachhaltigkeit im Sinne von weniger für den einzelnen, aber mehr für die Gemeinschaft wird immer wichtiger. In der Architektur, hier im Wohnungsbau, zeigen wir mit diesem Projekt, wie die Verlagerung vom Schwerpunkt weg von Konnotationen und Standards hin zum Raum Moment und Raumqualität, eben dies ermöglicht“, erklärt Gus Wüstemann seinen Gestaltungsansatz.

 



Raumqualität als Maß aller Dinge: Nicht die Größe zählt, sondern wie der Raum wirkt – das ist das Entscheidende.


Inmitten eine Siedlungsstruktur aus schlichten, im rechten Winkel zueinander angeordneten Zeilenbauten der 1950er Jahren, die durch die Durchgrünung mit großzügig bemessenen Gärten geprägt ist. Das Gebäude aus massivem Beton mit organischer Schalung beherbergt vier 60 Quadratmeter große Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen und fünf 90 Quadratmeter große Viereinhalb-Zimmerwohnungen, in denen sich die neue Großzügigkeit widerspiegelt. Alle sind Richtung Süden hin orientiert, auf dem befindet sich eine große Gemeinschaftsterrasse. Sonne und Licht übernimmt allgemein einen wichtigen Part in dieser räumlichen Choreografie: In den beiden Höfen, die aus dem Baukörper „herausgeschnitten“ sind, schweben die Wohnräume wie Brücken und fangen sowohl die Strahlen der Morgensonne als auch die der Abendsonne ein. Die Durchblicke durch die Wohnräume hindurch vermitteln den Eindruck, es wären eigentlich Außenräume – dieses raffinierte architektonische Arrangement erzeugt ein unglaubliches Moment von Größe in einem an sich kleinen Raum.

 



Mit raffinierten Details und nur fragmenthaft raumteilenden Elementen bleibt der Raum stets im Fluss.


Auch die Peripherie des Wohnraums ist durchlässig und raumübergreifend. Möglich wird das durch die Auflösung der raumbegrenzenden Elemente, die in dieser Form nicht als Trennwände empfunden, sondern als kommunikative Protagonisten. Der Mensch wird in diese Topographie der Masse mit einbezogen. Sie definiert sich über eine raumdefinierende, maßgeschneiderte Gestaltung sämtlicher Bereiche – von den Garderoben über die Wohnzimmerbank bis hin zur Küche. So ist etwa das Badezimmer der Viereinhalb-Zimmer-Wohnung durch eine Schiebetür vom Gemeinschaftsraum getrennt, die den Boden nie berührt. Die Betonbank, die aus der Badezimmerwand herauswächst, schafft gleich am Eingang der Badschiebetür einen Ort, ein Moment des Übergangs. Der Raum fließt als Kontinuum der Gemeinschaft weiter und schaff damit Intimität.





Sämtliche Räume mit unterschiedlichen Funktionen wurden in den nahtlosen Raumfluss miteinbezogen.

 

Dieser Raumfluss begegnet einem bereits beim Betreten der Wohnung: Der Eingang wird jeweils von einem massiven Betonunterzug komprimiert. Man wird geführt, und der Moment des Eintritts wird erfasst. An das Konzept des Flusses knüpft auch der durchgängige Betonboden an, der als Fragment des Gemeinschaftlichen in alle Schlafzimmer hineinfließt und jedoch dann in eine Holzfläche am Boden des Schlafzimmers als eine neue Ebene der Intimität übergeht. Gus Wüstemann schafft es, mit einer schlichten architektonischen Geste Offenheit, Durchgängigkeit und damit eine unaufdringliche räumliche Weite zu erzeugen, die die kompakten Wohneinheiten in großzügige Lebenswelten verwandeln.

 


Alle Bilder: © Bruno Helbling


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